„Die sehen aus wie Jungs“ - Die Frauen-WM aus Kindersicht
Kinder auf der Tribüne. Foto: Didem Ozan
Von Didem Ozan

Sport ist wichtig für unser Zusammenleben. Und Sport ist auch einmal eine gemeinsame Unternehmung wert. So bietet die Stadt Münster interessierten Schulen die Möglichkeit, Fahrten zur Frauen-Weltmeisterschaft zu unternehmen. „Das Angebot war bisher leider nur schwer zu verkaufen“, sagt Projektleiter Dieter Schmitz. Angenommen haben es nur zwei Schulen. Eine Grundschule begleite ich als Betreuerin zum ersten Gruppenspiel, Japan gegen Neuseeland. Ihr Alter reicht von sechs bis zehn Jahren. Alle sind noch relativ weit entfernt von der Pubertät, haben aber schon Vorstellungen von Geschlechterrollen entwickelt. Wie werden sich diese zeigen? Ist es für die Kinder befremdlich ist, dass sie nicht zu einem Männer-, sondern zu einem Frauenspiel fahren. Haben GrundschülerInnen vorgezeichnete Bilder davon, wer Fußball spielt?

Mit dieser Frage im Gepäck mache ich mich auf zum Reisebus. Es geht ins Bochumer Ruhrstadion zum ersten Spiel in Nordrhein-Westfalen. Das ist für alle 40 AusflüglerInnen das erste Weltmeisterschaftsspiel, das sie live miterleben werden. Wir freuen uns auf einen aufregenden und spannenden Nachmittag. Im Bus werden wir alle mit einem Jugendfilm auf den Sport eingestimmt. Bei den „Teufelskickern“ tragen die weiblichen Protagonistinnen aktiv zum Happy-End bei. Allerdings spielt in dem Jugendstreifen die Tochter des Teammanagers heimlich Fußball und die Mutter gibt strategische Anweisungen anhand von Kuchenrezepten. Das ist erst einmal ganz lustig und schrecklich platt. Ich frage mich, warum Filmemacher junge Menschen mit Klischees bei Laune halten müssen. Alle Mitfahrenden konsumieren gebannt, was ihnen auf dem Bildschirm geboten wird.

Bochum – Ausfahrt Ruhrstadion. Für die Kinder spielt die Frage, ob dort jetzt Frauen oder Männer kicken, keine Rolle. Für sie ist wichtiger, wer für welches Team sein will. Das wird lauthals verkündet. Jakob ist für Neuseeland und hat ein selbstgemaltes Plakat mit der Nationalflagge dabei: „Meine große Schwester hat mal für Neuseeland in der Bundesliga gespielt“, sagt er. Vielleicht hat er da etwas falsch verstanden? Das Stadion, die vielen Menschen, das ist sehr beeindruckend, auch für uns Erwachsene. Die meisten Kinder haben noch nie zuvor ein Fußballspiel live gesehen, und holen das jetzt nach an einem Ort, der 20.000 Menschen aufnehmen kann. Noch dazu erwarten uns 90 Minuten Fußball mit einer Halbzeit-Unterbrechung – eine große Herausforderung für die Konzentration von Heranwachsenden. Das Verhalten der Kinder offenbart im Laufe der Spielzeit aber noch etwas, das ich in dieser Form nicht erwartet hätte:

Die Mädchen sitzen die meiste Zeit durchweg still dabei und schauen sich das Spiel stumm an. Kaum eine rührt sich während des Spiels von ihrem Platz. Sie scheinen sehr beeindruckt und etwas eingeschüchtert. Auf meine Fragen gehen sie nur zurückhaltend ein. „Wer von Euch spielt denn selbst Fußball?“ Die meisten Mädchen spielen nicht. Die Jungs hingegen spielen in lokalen Vereinen. Die meisten von ihnen sind in Fantrikots gekleidet, sie kommentieren lautstark und schauen sich um. Das Fußballspiel ist ihre Domäne. Es gibt offensichtlich keinen Mädchenbonus, auch wenn wir Frauen spielen sehen.

 „Findet Ihr denn, dass der Fußball von Frauen anders ist als der von Männern?“  frage ich in die Runde. „Die Jungs spielen besser“, findet der 6-jährige Lukas. Mit dieser Antwort kann ich mich jetzt nicht zufrieden geben: „Warum sind sie denn besser? Sind sie größer, intelligenter, schneller?“ Lukas überlegt: „Die Jungs sind schneller.“ Währenddessen spielen die Frauen auf dem Platz so rasant, dass wir beim Zuschauen nicht mehr hinterherkommen. „Schaut mal, jetzt greifen die Japanerinnen an!“ Einmal fliegt der Ball in die Menge. „Dürfen die Zuschauer den behalten?“, fragen die Halbwüchsigen neugierig. „Schaut mal, die werfen den Ball zurück!“
Die Japanerinnen, von einigen Medien zu „Geheimfavoriten“ erklärt, zeigen uns Weltklasse-Fußball. Sie erzielen die meisten Torchancen und spielen atemberaubend. So jubeln wir alle lautstark und lassen Laola-Wellen für Nippon schlagen. „Die Japanerinnen sehen aus wie Jungs“, bemerkt Lukas später und strahlt mich an. Tatsächlich haben fast alle japanischen Spielerinnen kurze Haare, während viele Neuseeländerinnen beim Laufen ihre Pferdeschwänze wippen lassen.

Drei Minuten Nachspielzeit. Dann ist Abpfiff. Japan hat gewonnen. Nach Ende des Spiels lotsen wir die kleinen Fans durch die Menschenmenge zurück zum Reisebus. Eine Betreuerin, die eine Mädchengruppe übernommen hat, ist angestrengt: „Die Mädchen haben keine Vorstellung von Fußball. Sie haben zum ersten Mal überhaupt ein Spiel gesehen und wussten nicht, was mit dem Ball passiert. Lauter Fragen. Die Jungs haben einen anderen Zugang, weil sie das Spiel schon kennen.“ Vielleicht ist das Spiel für die Mädchen jetzt etwas vertrauter. Zumindest habe ich den Eindruck, dass Heranwachsende bereits sehr früh von Genderfragen betroffen sind.
 

Didem Ozan - ©privat/alle Rechte vorbehalten
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Didem Ozan
hat ihr journalistisches Ballgefühl bei der taz münster und dem Sender Freies Berlin entdeckt und arbeitet seit über zehn Jahren als freie Autorin für regionale Medien in Münster und Umgebung. Die promovierte Sprach- und Kulturwissenschaftlerin geht für die Chancengleichheit der Geschlechter gerne in die Offensive und in der Halbzeit auch mal selbst auf den Bolzplatz.
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