Kein Sommermärchen reloaded
Leere Bänke, keine Leinwand auch so kann public viewing aussehen.
Leere Bänke, keine Leinwand auch so kann public viewing aussehen.
Foto: gravitat~on - Bestimmte Rechte vorbehalten
Von Simone Schmollack

Fußballschauen mit Cem Özdemir, Claudia Roth, Monika Lazar und Andrei Markovits. Eine Fahrradtour von Terre des Femmes zum Berliner Olympiastadion und ein Fußball-Kulturfestival der SPD. So sieht das Public Viewing zur Frauen-WM aus: Grüne Politiker_innen und ein amerikanischer Soziologe erklären Pässe, Bälle und Tore, eine Frauenrechtsorganisation radelt für ein volles Stadion und die Sozialdemokraten machen auf Kunst und Kultur.

Was ist hier eigentlich los? Es ist Frauenfußball-WM, die erste in Deutschland, und Public Viewing scheint nicht ohne Begleitprogramm zu funktionieren. Vor einem Jahr, als in Südafrika gekickt wurde, und vor fünf Jahren, als Deutschland das „Sommermärchen“ spielte, sah das anders aus: ausverkaufte Stadien, überfüllte Fanmeilen, Leinwände in jeder Kneipe und an jeder Ecke. Und in diesem Jahr? Nicht mal große Freiluftzonen haben sich auf Fans eingerichtet.

Hergerichtet wie zum Schülervortrag

Zum Beispiel die Kulturbrauerei in Berlin. Ein Riesenareal, das für Fußballwelt- und Europameisterschaften abgesperrt wird und jedes Mal überdimensionale Leinwände aufspannt. Um überhaupt reinzukommen, muss man einen Euro Eintritt zahlen. Dann quetscht man sich zwischen verschwitzten Körpern und Bierfahnen auf eine wacklige Holzbank und lässt sich von den zu laut aufgedrehten Lautsprechern Ohrenschmerzen verpassen. Aber an diesem Sonntag, als die deutschen Frauen gegen ihre kanadischen Rivalinnen antraten? In der Freiluftzone zwei kleine Flachbildschirme ohne Ton, davor 20 Liegestühle und ein Getränkestand. In den Innenräumen zwei Fernseher und Bänke, aufgestellt wie zum Schülervortrag in der Grundschule.

Am Abend zuvor hatte Frankfurt am Main zwar mit der Eröffnungsfeier und dem „Ballzauber am Main“ ein fulminantes Fest gefeiert. Aber schon bei den ersten Kommentaren der Fernsehmoderator_innen wurde klar, was uns in den kommenden Wochen erwartet: Frauenfußball wird einfach nicht ernst genommen. Wenn der ARD-Moderator Michael Antwerpes sich nach dem Voreröffnungsspiel (Nigeria-Frankreich) eine schwarze Perücke aufsetzen, über sich selbst lachen und sagen darf: „Fußball-WM der Frauen ist, wenn man trotzdem Spaß hat“, dann muss man sich nicht wundern, dass der Frauenfußball noch immer als die Kopie des Männerfußballs betrachtet wird. Selbst am dritten WM-Tag fragt ein Reporter eine Ex-Nationalkickerin, was die Frauen in der Kabine vor dem Spiel so treiben. Wieder mal geht um Lippenstift, Haarspray und Trikots. All die Wochen vor der WM arbeiteten sich Journalist_innen an der Frage ab, wie feminin der Frauenfußball eigentlich sein darf und wie sexy Spielerinnen sein müssen.

Auf dem Platz soll geholzt, gefoult und gepfiffen werden

Solange manche Medien dieses Spiel bedienen, wird Frauenfußball eine Sportart zweiter Klasse bleiben. Da hilft es wenig, es so zu machen, wie Claudia Neumann es rät: „Wer Spaß am Frauenfußball haben will, sollte den Männerfußball für die Zeit des Spiels vergessen.“ Claudia Neumann ist die erste Sportreporterin, die überhaupt eine Fußball-WM im Fernsehen live kommentieren darf.

Aber machen wir uns nichts vor: Selbst die Zuschauer_innen bewerten Frauenfußball nicht so wie den Männerfußball. Auf dem Platz soll geholzt, gefoult, gepfiffen werden. Die Spieler müssen schwitzen, spucken, springen. Das bieten die Frauen auch, nur nicht so heftig. Aber selbst weibliche
Fans finden es gruselig, wenn das gegnerische Team beklatscht wird, wenn ein Pass gelingt. So war das im Olympiastadion beim Eröffnungsspiel. Das hat doch mit Fußball nichts zu tun, stöhnen sie dann. Und: Wir wollen Härte und Kämpfe und keine Familienfest.

Frauenfußball ist ein junger Sport

Wahrscheinlich muss man es einfach akzeptieren: Frauenfußball ist ein junger Sport. Die Frauenfußball-WM findet zum ersten Mal in Deutschland statt. Und das Sommermärchen ist nicht zu wiederholen. Deshalb wahrscheinlich funktioniert Public Viewing nicht mal mit Begleitprogramm. Zumindest in diesem Jahr.

Simone Schmollack
Simone Schmollack
Simone Schmollack arbeitet als freie Autorin und Journalistin in Berlin. Ihr spezielles Interesse gilt der Schnittstelle von Politik, Privatheit und Alltag. In ihren Texten fragt sie nach dem Einfluss aktueller Entwicklungen auf Lebensentwürfe und Rollenbilder. Sie untersucht, wie sich gesellschaftliche Veränderungen auf Beziehungsmodelle und deren Beständigkeit auswirken.

Weitere Bücher der Autorin im Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag: »Ich wollte nie so werden wie meine Mutter« (2004), »Ich bin meines Vaters Sohn« (2003), »Ich will Leidenschaft« (2002).

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