Out am Arbeitsplatz
"Out am Arbeitsplatz". Foto: Gudrun Fertig - Bestimmte Rechte vorbehalten: CC-BY-SA.
Von Gudrun Fertig

Out am Arbeitsplatz: Was heißt das für Nationalspielerinnen und welche Reserven können offen lesbische Spielerinnen abrufen?

Und plötzlich ging es nur noch um Fußball. Fast atmete man erleichtert auf. Wie weiblich sind Fußballerinnen, darf man Frauenfußball mit Männerfußball vergleichen, ist die WM nur ein Medien-Hype oder herrscht echte Begeisterung im Land? Alles kein Thema mehr. Nach dem verlorenen Viertelfinale des deutschen Teams gegen Japan herrschte allerorten echte Bestürzung. Kein Mittel fanden die Spielerinnen gegen das durchorganisierte japanische System, die Japanerinnen wirkten zudem fitter und nicht so kopflos wie die sichtlich überforderten Deutschen.

Von Erfolgsdruck ist jetzt die Rede, dem die Spielerinnen im eigenen Lande dann doch nicht standhalten konnten. Bundestrainerin Silvia Neid überlegt sogar, zurückzutreten. Irgendetwas ist schief gelaufen, doch man tut sich noch schwer mit der Analyse.

Was muss im deutschen Team nach dieser WM verbessert werden?
Mit zunehmendem Abstand zur WM wird diskutiert werden, ob das starre 4-2-3-1 Spielsystem nicht flexibler werden muss. Auch welche Trainingsmethoden von Fitness- bis hin zu Mentaltraining neu eingeführt werden müssen. Sicher ist: alles wird auf dem Prüfstand stehen, um das Leistungsvermögen der Sportlerinnen zu optimieren. Denn darum geht es auch im Frauenfußball: um Leistung auf dem Platz, um die Formung eines Teams, das sich gegenseitig stärkt und spielerisch wie kämpferisch und läuferisch den Gegnerinnen überlegen ist.

Nur eins wird – zumindest öffentlich – nicht diskutiert werden. Ob offen lesbische Spielerinnen, die sich nicht verstecken müssen, mehr Leistung abrufen können. Von US-amerikanischen Experten wird geschätzt, dass Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, die am Arbeitsplatz nicht out sind, um die 20 Prozent schlechter arbeiten. Jede Menge Leistungsreserven, die sich eine Firma nicht entgehen lassen sollte.

Vom Fußball-Biotop ins Scheinwerferlicht: neue Herausforderungen
Was heißt das im Falle der lesbischen Nationalspielerinnen? Sie sind ja an ihrem eigentlichen Arbeitsplatz, das heißt innerhalb des Teams, mehr oder weniger out. Was ihnen aber passiert ist, und was sie sicher unterschätzt haben, ist, dass ihr Arbeitsplatz plötzlich ein öffentlicher wurde. Diese WM findet ja im eigenen Land statt. Das ist, wie wenn man jahrelang im Biotop der eigenen Firma vor sich hinarbeitet, plötzlich aber die Scheinwerfer der Öffentlichkeit voll auf das eigene Unternehmen gerichtet werden. Es hagelt Interviewanfragen, Sponsoren organisieren Fotoshootings und auf einmal wollen alle im Lande wissen, was man in seiner Freizeit macht.

Heterosexuelle Teamkolleginnen wurden mit ihren Boyfriends im Fernsehen gezeigt und die Familien der Spielerinnen auf der Tribüne per TV-Bild der ganzen Welt vorgestellt. Die mediale Aufbereitung des Sportevents WM erfasste das deutsche Team mit einer vorher nie gekannten Wucht. Nicht nur, dass die Spielerinnen auf einmal in ausverkauften Stadien spielten. Auch, dass ihre Person so im Interesse der Öffentlichkeit stand, musste erstmal verdaut werden.

Der Druck des lesbischen Versteckspiels ist nicht leistungsfördernd
Zum Erfolgsdruck gesellte sich bei der ein oder anderen Spielerin auch der Druck, das eigene Privatleben in Punkto sexuelle Identität, Freizeitgestaltung oder Lebenspartnerin aktiv verstecken zu müssen. Ein mediales Doppelleben zu führen. Hier die erfolgsorientierte Spielerin, die sich über den medialen Aufschwung des Frauenfußballs freut. Dort die versteckte Lesbe, die nicht möchte, dass ihr Leben allzu sehr in der Öffentlichkeit stattfindet. Ob sich das auf ihre Leistung auswirkte? Die Sportpsychologin Claudia Bender beispielsweise meint, dass offen lebende lesbische Sportlerinnen verborgene „mentale Ressourcen“ freisetzen können. Wie anstrengend auf der anderen Seite ein „Versteckspiel“ ist, kann man im gleichnamigen Buch von Marcus Urban, Ex-DDR-Jugendnationalspieler, sehr schön nachlesen.

Und darum geht es doch im Sport, also auch im Frauenfußball. Reserven abzurufen, Leistung zu bringen, sich ohne Ablenkung voll reinhängen zu können. Dafür werden Mentaltrainer engagiert, dafür werden Konzentrationsübungen gemacht. Um dem Druck standzuhalten. Wer will da im Ernst Energien für ein unwürdiges Versteckspiel verschwenden?

Die logische Konsequenz nach dieser WM müsste lauten: sofortige psychologische Unterstützung beim Coming-out für alle lesbische Spielerinnen. Und wenn es viele sind? Dann wird es halt ein bisschen teurer, nützt aber um so mehr.

Gudrun Fertig
Gudrun Fertig
Gudrun Fertig ist Jahrgang 1969. Sie studierte Volkswirtschaft, wechselte dann aber das Metier und arbeitet nun als Journalistin in Berlin. Schwerpunkte: queere Kultur und Politik, Feminismus, Ökonomie, Fußball. Sie war seit der zweiten Ausgabe bis Anfang 2009 Redakteurin von L-MAG, einem Magazin für Lesben, das in diesem Sommer 8-jähriges Jubiläum feiert. Zurzeit ist sie Online Chefredakteurin im Jackwerth Verlag (siegessaeule.de, l-mag.de, du-und-ich.net).
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