Und dann geht ein Raunen durch die Menge
Zuschauer_innen im Fußballstadion Dresden.
Zuschauer_innen im Fußballstadion Dresden.
Foto: mardin - Bestimmte Rechte vorbehalten.
Von Simone Schmollack

Seit nicht ganz zwei Wochen läuft nun also diese Frauen-WM. Und alle sind überrascht: Darüber, dass manche Kickerinnen – nun ja – richtig guten Fußball spielen und nicht nur so tun, als ob sie das könnten. Dass die Spielerinnen all die Attitüden ihrer männlichen Kollegen drauf haben: Abrollen, Handgesten, Spucken. Selbst Modereliquien wie Stuhlfauth-Mütze (von Torwartikone Heiner Stuhlfauth) und Hoeneß-Kappe (Dieter Hoeneß trug zu einem DFB-Pokalendspiel eine Art mongolische Kappe) sind auf den Köpfen so mancher Frau aufgetaucht. Erstaunt mussten auch manche Reporter feststellen, dass sie so gar nichts wissen über Frauenfußball. Wo sie doch glaubten, schon alles gesehen zu haben.

Mehr Männer in den Stadien

Und plötzlich sind sogar die Stadien voll. Und das, obwohl die „Kenner“ vorausgesagt haben, dass die Frauenspiele fast niemanden interessieren werden. Und dann auch noch das: Es pilgern viel mehr Männer zu den Spielen. Frauenfußball ist doch ein Lesbensport, lautete das gängige Vorurteil. Zugegeben, es fehlt der „typische“ männliche Fußballfans: zwischen 30 und 50, mit Bierflasche und Aggressionspotenzial. Und ebenfalls zugegeben, viele Männer wollten einfach mal bei einer WM live dabei sein und sie nicht nur vor dem Fernseher verfolgen. Und für die Frauen-Spiele gab es leichter Karten. Die sind jetzt nun alle weg.

Auch das Publikum muss sich umstellen

Für die Fans gibt es aber auch jede Menge Überraschungen: Die Schiedsrichterinnen pfeifen nämlich nicht so schnell, wie viele geglaubt hatten, dass sie das tun. Weil doch Frauen geschont werden müssen. Sind schließlich zarte Geschöpfe, auch wenn sie Fußball spielen. Aber die Kickerinnen wollen gar nicht geschont werden. Sie schonen sich ja selbst nicht. Manche spielen hart und kompromisslos. Das ist auch für das Publikum neu. Wenn ein Ball angeflogen kommt und eine Spielerin mit dem Kopf kickt, geht ein erschrockenes Raunen durch die Menge. Man hört förmlich, wie manche Fans die Hand vor den Mund heben. So wie Hillary Clinton,als sie die Erschießung Osama bin Ladens verfolgte. Auch wenn zwei Frauen loslaufen für einen Zweikampf, halten manche Zuschauer_innen den Atem an. Es könnte ja eine stürzen und sich das Knie aufschlagen.

Mensch, möchte man da am liebsten rufen, die Frauen spielen Fußball! Die bringen sich nicht gegenseitig um. Es gibt also noch viel zu lernen – für alle.

Simone Schmollack
Simone Schmollack
Simone Schmollack arbeitet als freie Autorin und Journalistin in Berlin. Ihr spezielles Interesse gilt der Schnittstelle von Politik, Privatheit und Alltag. In ihren Texten fragt sie nach dem Einfluss aktueller Entwicklungen auf Lebensentwürfe und Rollenbilder. Sie untersucht, wie sich gesellschaftliche Veränderungen auf Beziehungsmodelle und deren Beständigkeit auswirken.

Weitere Bücher der Autorin im Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag: »Ich wollte nie so werden wie meine Mutter« (2004), »Ich bin meines Vaters Sohn« (2003), »Ich will Leidenschaft« (2002).

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