Großes Feld, weites Herz. Ins Kino zu Nordkorea
Nordkoreanische Spielerinnen im Stadion. Im Hintergrund: Militär; Foto: © Ri Filme
Von Nicole Selmer

Das Wissen über Nordkorea ist begrenzt und geprägt von vagen Stereotypen: „Das sind absolute Maschinen“, stellte die deutsche Torfrau Nadine Angerer vor dem Testspiel gegen das asiatische Team fest. Die Spielerinnen würden in ihren Augen alle gleich aussehen, hätten offenbar denselben Friseur und wären nur durch die Rückennummern unterscheidbar. Das WM-Sonderheft des Kicker bedenkt die Nordkoreanerinnen mit der Überschrift „Ein einziges Rätsel“. Das Team entzieht sich den Blicken der Medien, lehnte Einladungen und Empfänge ab und öffnete den Platz nur für das vorgeschriebene offizielle Training.
Mehr über Nordkorea und seine Fußballerinnen erfährt man daher nicht im Stadion oder Fernsehen, sondern im Kino. Die Dokumentation „Hana, dul, sed ...“ der Österreicherin Brigitte Weich begleitet vier nordkoreanische Spielerinnen, die bis 2004 im Nationalteam aktiv waren, und schildert ihr Leben als privilegierte Sportlerinnen ebenso wie die Rückkehr in den nordkoreanischen Alltag. „Hana, dul, sed“ bricht die Vorstellungen von gedrillten asiatischen Kampfmaschinen, die ohnehin alle gleich aussehen, auf. In Weichs Film tun sie genau das eben nicht, sondern präsentieren ihre je eigenen Fußball- und Lebensgeschichten: „Das Publikum reagiert darauf überrascht, ja“, sagt die Regisseurin, die ihren Film in den vergangenen Wochen in Deutschland vorgestellt hat. „Weil hier auf einmal menschliche Individuen auftreten. So hat man Nordkorea noch nicht gesehen.“

Dem General Freude bereiten
Brigitte Weichs Film irritiert. Da sprechen die nordkoreanischen Fußballerinnen über ihre persönliche Lebensgeschichte, Widerstände der Eltern gegen den Fußball und über ihre eigene Rolle im Team. Sie beraten über Frisuren, lachen und ziehen sich gegenseitig auf. Und dann mittendrin fallen Sätze wie „Mit meinem Fußballspiel will ich dem General Freude bereiten“ und die Frauen berichten mit glänzenden Augen vom Brief des Staatsführers („Er hat ihn selbst unterschrieben“), der sie nach der gewonnenen Asienmeisterschaft 2003 erreicht. Das Nebeneinander von sympathischen Erzählungen junger Frauen und der ebenso authentischen Präsenz des „Großen Führers“ Kim Jong Il, auf den alles zugeschnitten ist, durchzieht „Hana, dul, sed“.
„Mir ging es selbst ganz genauso“, sagt Brigitte Weich dazu. „Die Idee war, über die Fußballerinnen einen Blick in dieses befremdliche Land Nordkorea zu erhalten.“ Es waren jahrelange Dreharbeiten, die zunächst bei Spielen im Ausland begannen. Dort sind die vier Fußballerinnen Ra Mi Ae, Jin Pyol Hi, Ri Jong Hi und Ri Hyang Ok der Regisseurin „ans Herz gewachsen“, bevor sie sie in ihrem Leben in Nordkorea begleitet hat. „Natürlich war mir klar, dass in Nordkorea alles auf Kim Jong Il zurückbezogen wird, dennoch konnte ich mir das in dieser Form nicht vorstellen. Aber dann hatten die Frauen alle ihre Führer-Anstecker am Revers und der Name fiel in fast jedem zweiten Satz.“

Reis kochen im Training
Obwohl Kim Jong Il den nordkoreanischen Frauenfußball fördert, bleibt Raum für traditionelle Werte, nach denen Weiblichkeit und Fußball nichts miteinander zu tun haben: Die Eltern der Spielerinnen waren allesamt nicht begeistert von den Berufsplänen ihrer Töchter, ein Trainer berichtet, wie viel Überzeugungsarbeit zu leisten ist, um Mädchen für das Spiel zu gewinnen. Ironischerweise zeigt sich in diesem konservativem Widerstand auch ein gewisser Freiraum und Eigensinn gegenüber den Anordnungen des Staatsführers.
Das verordnete Frauenbild Nordkoreas ist erzkonservativ, die Rolle als Ehefrau und Mutter ist auch bei Berufstätigkeit vorgezeichnet. Die Protagostinnen von „Hana, dul, sed“ sind mit Ausnahme der ehemaligen Verteidigerin Ra Mi Ae alle verheiratet. Sie wartet noch auf den Richtigen und will vor allem eins: Torwarttrainerin werden, die zweite in Nordkorea. Der ehemalige Nationalcoach berichtet im Film von kleinen Trainingseinheiten zur „Haushaltsführung“, in denen er seinen Spielerinnen die richtige Reiszubereitung beigebracht habe – „Nachher wurden sie von ihren Männern dafür gelobt.“ Dennoch: Der von ganz oben geförderte Frauenfußball bietet einen Weg hinaus aus der Enge der Geschlechterrollen der nordkoreanischen Diktatur oder, mit den Worten von Mittelfeldspielerin Ri Hyang Ok: „Wenn man das Feld betritt – und es ist ein großes Feld – wird das Herz weit.“
Das ist einer der Sätze im Film, die über die Liebe zum Spiel und seine Verheißung von Freiheit Identifikation und Nähe verheißen, aber es bleibt eine Nähe, die jederzeit wieder in mysteriöse Distanz umschlagen kann. Vermutlich ist diese Rätselhaftigkeit ganz gegenseitig. Es wird vieles geben, das der nordkoreanischen Delegation in Deutschland befremdlich vorkommt. Etwa das Aussehen ihrer Gegenspielerinnen, wie Brigitte Weich sagt: „Selbst Spielerinnern wie Birgit Prinz oder Abby Wambach erkennen sie vor allem an den Trikotnummern.“ Weiße Europäerinnen und Nordamerikanerinnen sehen für den koreanischen Blick also auch alle gleich aus, selbst mit unterschiedlichen Frisuren.

Nicole Selmer
Foto: Nicole Selmer - ©Alle Rechte vorbehalten
Nicole Selmer
Nicole Selmer wurde 1970 hoch im Norden, in Flensburg, geboren. Sie studierte Skan­di­navistik und Germanistik in Hamburg und Uppsala/Schweden. Angeregt durch ihre eigene Begeisterung für Fußball veröffentlichte sie 2004 ein Buch über weibliche Fans und schreibt seitdem regel­mäßig rund um das Thema Fußball & Geschlecht. Nicole Selmer verdient ihr Geld als freie Journalistin und Übersetzerin in Hamburg und guckt auch gerne Fernsehen und liest Bücher und Zeitungen.
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