„Pfeif doch Frauenfußball!“ - Zur Lage des Frauenfußballs aus Sicht der Geschlechterforschung
Petra Landers mit der berühmten Kaffeetasse (Die Europameisterinnen von 1989 wurden mit einem Kaffeeservice vom DFB belohnt).
Petra Landers mit der berühmten Kaffeetasse (Die Europameisterinnen von 1989 wurden mit einem Kaffeeservice vom DFB belohnt).
Foto: Nicola Egelhof - Bestimmte Rechte vorbehalten

Von Johanna Wirxel

Die Frauenfußball-WM beginnt in wenigen Tagen. Deutschland ist wieder freudiger Gastgeber. In Zeitungen, Fernsehen und Radio: überall ist die Frauen-WM ein Thema. Aber irgendetwas ist anders. Das weibliche Geschlecht wirft einen großen Schatten auf die Sommer-Fußballparty. Bei vielen Menschen spürt man eine latente Unsicherheit: Finde ich Frauenfußball wirklich interessant? Bin ich insgeheim der Meinung, dass Fußball als Männersport spannend ist und Frauen irgendwie fehl am Platz wirken? Geht es in den Gesprächen und Diskussionen über Frauenfußball nicht immer um Frauen statt um Fußball? Sind diese Fragen nicht allzu berechtigt, wenn sich z.B. der DFB-Nachwuchs in der Juli-Ausgabe des Playboy auszieht (mehr dazu)?

Die deutschen Spielerinnen und im Fußball aktiven Frauen teilen diese Verunsicherungen nicht. Für sie ist der Fußball ein neutraler Raum, der mit Geschlechterverhältnissen und gesellschaftlichen Machtgefällen nichts oder nur wenig zu tun hat. Der deutsche Frauenfußball sieht sich in einer immer stärker werdenden Position. Es gibt mehr Förderung für den Nachwuchs. Der DFB steht hinter den Frauen und Mädchen. Und langsam fließt sogar etwas Geld in den Sport und an die Spielerinnen.

Dennoch löst der Frauenfußball eine Breitenreaktion aus, die irgendwo zwischen einer kämpferischen Bejahung und hartnäckigem Unwohlsein liegt. War das schon immer so? Und muss das so sein?

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Fußballerinnen als unglücklich beschenkte Frauen

Schon jetzt, bevor es überhaupt losgegangen ist, ist einiges geschehen. Man sieht deutlich: der deutsche Frauenfußball ist selbstbewusst. Das heißt, vor allem die Frauen, die spielen und organisieren, treten resolut und konfliktfrei auf. Petra Landers erzählte bei einem Podiumsgespräch über die Dramen des Elfmeterschießens und liest in dem Film "Die schönste Nebensache der Welt" von Tanja Bubbel die Fanpost begeisterter Fußballfreunde vor. Das Porzellanservice zum EM-Sieg von 1989, das sie als Nationalspielerin vom DFB geschenkt bekam, wird aus dem Schrank hervor gekramt. In Erscheinung tritt eine neckende und dabei stets amüsante Bloßstellung des sich im Frauen-beschenken übenden Männerbundes DFB. Was schenkt man(n) einer Frau für ihre Leistungen im Fußball? Blumen, Schokolade, Haushaltsgeräte? Trotz des hilflos bemühten Geschlechterklischees nimmt Petra Landers niemandem diesen Fauxpas wirklich übel. Es ist und bleibt eine tolle Erinnerung, die dank der hervor geholten Soßiere ein Schmunzeln für lange Zeit erhalten wird.

Es wird deutlich: die Fußballerinnen spielen Fußball für sich. Sie sind keine Feministinnen, die eine bis heute männliche Sportart erobern wollen. Für sie ist Fußball eine Lebenseinstellung, kein Geschlechterkampf. Sie sind irgendwie da – in den Strukturen und in den Nischen des Männerfußballs angekommen und soweit auch akzeptiert. Zwar sind sie nicht mit so viel Aufmerksamkeit und Anerkennung gesegnet wie ihre männlichen Kollegen, aber das stellt gar keinen Mangel für sie dar. Sie haben sich letztlich durchgesetzt und können ihren Sport immer professioneller und erfolgreicher betreiben.

Es scheint, als werden Fragen zum Verhältnis der Geschlechter nur von außen an den Frauen- und Männerfußball herangetragen. Die aktiven Frauen zumindest sehen die unspektakuläre Etablierung und Stabilisierung des weiblichen Profifußballs als langsamen aber erfolgversprechenden Prozess. Aktuelle Rückschläge wie die Rudi Völlersche Polemik gegen einen Schiedsrichter, dass er doch Frauenfußball pfeifen solle, werden von Tina Theune, der ehemaligen Nationaltrainerin, als Ausrutscher eingeschätzt.

Gibt es eine von den im Fußball aktiven Frauen übersehene Bedeutung des Profifußballs für das Geschlechterverhältnis? Worüber machen sich die, die sich heute Feministinnen nennen, eigentlich Gedanken? Warum sind der Volkssport Nummer 1 und sein Geschlechterverhältnis ein Thema angesichts der kontinuierlichen Verbesserung der Lage des Frauenfußballs? Warum hat Fußball überhaupt etwas mit Geschlechterverhältnissen zu tun?

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Der runde Ball als Springpunkt der Männlichkeit

Auch heute, da Frauen vermehrt Fußball spielen und auch als Zuschauerinnen präsent sind, bleiben sie eine Randerscheinung. Ein Blick auf den hegemonialen Männerfußball verdeutlicht, dass das Fußballstadion und das echte Fan-Dasein ein männliches Territorium ist.

Im klassischen Männerfußball werden verschiedene Formen von Männlichkeit gelebt und verhandelt. Die disziplinierten und im Kampf um Ehre und Anerkennung rivalisierenden Profifußballer stellen nur eine Facette gelebter Männlichkeit im Stadion dar. Die andere, vielleicht wichtigere Bühne der Männlichkeit ist die Zuschauertribüne. In den Fankurven werden Werte wie Kameradschaft, Zusammenhalt, Aggressivität, Expertentum und Verbundenheit unter Männern gelebt. Der "echte Fan" muss nicht sportlich fit sein. Dennoch kann er durch hohe Opferbereitschaft für seinen Verein, Wissen, Loyalität und Kameradschaft seinen Mann stehen. Die Verhaltensnormen im Fußballstadion orientieren sich an klassisch männlichen Idealen.

Sicher ist, dass im Männerfußball ein weibliches Verhaltensrepertoire nur am Rande existiert und dabei eher als unpassend wahrgenommen wird, als etwas wovon sich der echte Fan mehr oder weniger deutlich abgrenzt. Auch wenn Frauen anwesend sind, reduzieren sich ihre Möglichkeiten auf wenige Stereotype. Zum einen sind Frauen die "Freundinnen von...", die zum Fußball keinen eigenen Bezug haben und nur über ihren Partner beim Fußball gelandet sind. Dann sind da noch die "Groupies", die entweder die Spieler bewundern, oder die männlichen Fans als attraktiv empfinden. Schließlich gibt es die Frauen, die sich der männlichen Verhaltensnorm anpassen und weibliches Verhalten und Auftreten ablegen. Diese Frauen sehen sich selbst als Teil der männlichen Fangruppe. Sie sind durch ihren männlichen Habitus akzeptabel und haben sich so einen Sonderstatus erschlossen. Die Ablehnung weiblichen Verhaltens und die Skepsis gegenüber "Tussis" im Stadion durch den "weiblichen echten Fan" verdeutlicht die Dominanz männlicher Werte, die von kaum jemandem in Frage gestellt wird. Der häufig gerade den Frauen bewusste Ausschluss weiblichen Verhaltens hat eine wesentliche Funktion in der homosozialen Fußballwelt.

Das Stadion ist ein Refugium, eine Bastion für Männer. In homosozialen Männerbünden wird das Wegfallen von Anstandsregeln oder sexuellen Spannungen zwischen den Geschlechtern als Erleichterung und Entspannung erlebt. Man(n) kann sich gehen lassen und sich der eigenen Weltsicht, der Werte und auch des eigenen Geschlechterverständnisses im Fußball-Männerbund versichern. Es ist ein unsichtbarer Prozess der gegenseitigen Versicherung was Männlich-Sein eigentlich bedeutet. Es ist klar, dass man(n) im Alltag nicht lautstark im Chor singen kann und man(n) kann auch nicht ungestraft andere als „Hurensohn“1 bezeichnen. Intime Verbundenheit unter Männern, Aggressivität und Herablassung werden mit der Aufweichung hierarchischer Männergesellschaften im Prozess der Modernisierung immer mehr verdrängt. Eine eindeutige Orientierung für männliche Identität wird dadurch zunehmend unterlaufen.

Gerade diese Orientierung kann am Wochenende im Stadion, dem Schutzraum der Männlichkeit, der Fußball liefern. Die von Männlichkeit dominierte Fußballkultur ist im Stadion, an den Bildschirmen und in den Organisationsstrukturen vorhanden. Und dabei hat Fußball nicht nur eine große Bedeutung für die Sozialisation von Jungen und Männern. Die ganze Gesellschaft nimmt über alle Alters- und Schichtgrenzen hinweg Anteil am Geschehen im Massensport Fußball.2

Wie werden die Fußballerinnen nun in dieses Universum der Männlichkeiten integriert?

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Die Fußballerin – das Fremde auf dem Platz

Es scheint, als seien Frauen der bestehenden männlichen Fußballordnung schlicht hinzu addiert worden. Das heißt, dass sie zwar da sind, aber immer eine Sonderposition innehaben. Die Fußballerinnen haben es hier zu Erfolg und mittlerweile auch zu Anerkennung gebracht, allerdings über die Aneignung von vermeintlich männlichen Werten wie Teamfähigkeit, Kampfbereitschaft, Siegeswille und Härte. Und da liegt auch schon die Ursache der Irritation. Es gibt Sportarten, die Träger eines gesellschaftlich vorherrschenden Bildes von Männlichkeit sind. Vielleicht haben der American Football oder Eishockey aus Canada eine ähnlich wichtige Funktion für das Männlichkeitsbild ihrer Gesellschaft.

Die Repräsentationen des europäischen Fußballs sind offensichtlich stark an ein Geschlecht gebunden. Der europäische Fußballer an sich kann bisher nur durch Männer verkörpert werden. Frau-Sein und Fußballer-Sein ist eine symbolische Unmöglichkeit. Frauen können den Fußball nicht repräsentieren. Sie können nur ihr Frau-Sein in einer Männerdomäne verkörpern. Dabei muss eine schwierige Balance gefunden werden. Einerseits müssen Fußballerinnen die männlichen Werte glaubhaft darstellen (Kampfgeist, Siegeswille etc.). Andererseits bleiben sie Symbol der Weiblichkeit, das eigentliche Außen des Sports. Sie sind konfrontiert mit Klischees wie der vermännlichten Lesbe oder den Erwartungen eines durch Schminke attraktiv gemachten Erscheinungsbildes. Sie werden inszeniert als Werbeträgerinnen von Waschmaschinen und Kühlschränken oder sitzen als attraktive Fußballerinnen in illustren Talkrunden.

Und was sagt uns die plakative aber doch aussagekräftige Parallele zwischen dem unbeholfenen Geschenk des geblümten Services von 1989 und den teilweise noch immer unbeholfenen Repräsentationen von Fußballerinnen in den Medien heute?

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Fußballerinnen in den Medien – Beweise der Weiblichkeit

Fußballerinnen bleiben eine Irritation. Sie sind nicht die Norm, sondern deren Abweichung. Die Geschenke von damals sind mittlerweile durch Geld ersetzt worden. Aber letztlich steht in der medialen Darstellung von Fußballerinnen nach wie vor eine Vorstellung im Raum: Selbst die erfolgreichste Spielerin muss letztlich eine Frau sein und d. h. sie wird sich wohl schön machen, Klamotten suchen und über ihre Figur nachdenken (Werbespot). Sie hat sich als Sportlerin den männlichen Habitus zwar erfolgreich angeeignet, aber in ihrer gesellschaftlichen Zuschreibung bleibt sie doch stets "Frau".

Gerade der Kontrast zwischen einem Männersport und den darin erfolgreichen Frauen fordert die Medien heraus. Der Expert-Werbespot bezieht sich auf die Vorstellung, dass die angenommenen Multi-tasking-Fähigkeiten der Spielerinnen wohl zu ausgiebigem Schminken während des Spieles führen muss. Der aufwendige und kämpferische Nike Werbespot Lira`s Manifest verhandelt die Verbindung weiblicher Symbole mit männlichen Fußballtugenden. High Heels, Mode, Schmuck werden zu Bestandteilen von Teamgeist, Kämpfertum und Durchhaltevermögen. Zum Ende des Spots wird die sich anbahnende Verbindung und Vereinigung der zwei Symbolebenen durch das rosafarbene bengalische Feuer vollendet. Sichtbar ist dieses Verhandeln der Gegensätze auch im Bereich des Boxens: man denke nur an Regina Halmichs Moderation eines Schlankheitsbootcamps oder Susi Kentikian und ihr werbewirksam süßes Bekenntnis zum Frau-Sein vor dem Kleiderschrank (Werbespot) . Die von ihren boxerischen Fähigkeiten her brandgefährliche „Killerqueen“, wird im Spot zum flauschigen und unbedarften Schäfchen verniedlicht, während sie in pinken Strumpfhosen gegen ihre High Heels kämpft und vermittelt: letztlich sind wir Frauen doch alle gleich.

Dass es diesen Balance-Akt für Frauen immer noch zu gehen gilt, zeigt, dass für die Gesellschaft die Geschlechterordnung weiterhin eine unentbehrlich ordnende Funktion einnimmt.

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Mediale Hoffnungsschimmer im Diskurs der Frauen-WM

Was kann uns die Frauenfußball-WM 2011 also bringen? Sicherlich viel Spaß, Unterhaltung, mitfiebernde Anteilnahme; und den Titel. Aus Sicht der Geschlechterforschung jedenfalls bleibt abzuwarten, inwieweit trotz voranschreitender Gleichberechtigung alte Ordnungen zitiert und reproduziert werden.

Wir sollten hoffen, dass die Medien die schwierige Aufgabe, Frauen in Verbindung mit Fußball darzustellen, meistern werden. Die Herausforderung besteht darin, angesichts der bisherigen Unvereinbarkeit der Symbolik von "Frau" und "Fußball", nicht dem Rückgriff auf bekannte Geschlechtszuschreibungen zu verfallen. Sonst sitzt in einigen Jahren vielleicht eine Lira Bajramaj zwar mit etwas Geld aber auch mit einem Schminkköfferchen als WM-Titelgeschenk in einem Dokumentarfilm und schmunzelt wie einst Petra Landers.

Dass es eine konservative und vitale Symbolik der Geschlechter gibt, ist leicht zu erkennen. Niemand kann sich einfach über sie hinwegsetzen oder sie ignorieren. Es gibt aber vielversprechende Versuche, die klassischen Bedeutungszusammenhänge zu ironisieren. Vor kurzem entdeckte ich aus dem Zug ein großes WM-Ticket Werbeplakat: man sieht im Profil die Nahaufnahme eine Torwartin im Tor mit Pferdeschwanz, die in bester Oliver-Kahn-Manier mit entgleisten Gesichtszügen ihre Verteidigerinnen anbrüllt. Daneben der Satz: „Das Date Deines Lebens! Hol Dir Tickets für die FIFA Frauen-Weltmeisterschaft“3. Hier wird das konservative Fahrwasser des Diskurses um Frauenfußball nicht verneint, sondern mit viel Witz erfolgreich umschifft. Mehr mediale Kunststücke solcher Art könnten zu einer begrüßenswerten Entspannung um den Diskurs des Frauenfußballs führen. Und darüber hinaus könnte eine erfolgreiche Ironisierung der Geschlechterordnung auch andere Debatten auflockern, denn: „Die Lage ist hoffnungslos, aber nicht ernst.“4

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Weiterführende Texte

Sie wollen sich ausführlicher mit den Thesen des Textes beschäftigen? Zur Vertiefung empfehle ich den Sammelband „Gender Kicks – Texte zu Fußball und Geschlecht“ herausgegeben von der Koordinationsstelle Fanprojekte (KOS) bei der deutschen Sportjugend von 2005. Hierin insbesondere die Untersuchungen von Almut Sülzle, Franciska Wölki und Renate Vodnek. Des weiteren gibt es (auch online) prägnante Texte von Prof. Dr. Michael Meuser z.B. „Männerwelten. Zur kollektiven Konstruktion hegemonialer Männlichkeiten“ oder „Ernste Spiele. Zur politischen Soziologie des Fußballs“.

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Endnoten:
1 Es ist bezeichnend, dass diese besonders heftige Form der Beschimpfung den Mann als Produkt einer verunglimpften Weiblichkeit herabsetzt.
2
Vgl. KOS-Schriften 10 : „Gender Kicks“; Michael Meuser: „Männerwelten. Zur kollektiven Konstruktion hegemonialer Männlichkeiten“.
3
Die Quelle dieser Beschreibung ist meine Erinnerung, Werbeslogan kann abweichen.

4
Paul Watzlawick

Teaser-Foto: Petra Landers mit EM-Tasse, Foto: Nicola Engelhof, Lizenz: CC BY-SA

Johanna Wirxel
studiert Gender Studies und Medienwissenschaften an der Ruhr-Universität Bochum. Sie begleitete als Projektpraktikantin die Veranstaltungsreihe "Gender Kicks" des Gunda-Werner-Instituts und der Heinrich-Böll-Stiftung in NRW.

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Reaktionen (2)
1_ thinkpunk
19. Juni 2011, 22:29 Uhr

Danke für den Text! Ich finde die Gedanken zur Spielerinnen-Perspektive total spannend.
Mit der Darstellung der Fan-Szene hab ich allerdings ein Problem. Mir ist klar, dass das als kritische Betrachtung des Ist-Zustands gedacht ist und wohl die Ausweglosigkeit der Reproduktion von Geschlechterverhältnissen auf der Symbolebene beschreiben soll. Symbolische Repräsentation ist kein Konzept, das in meinen Gender Studies-Kursen sonderlich behandelt wurde. Auf theoretischer Ebene mag das also alles so sein wie aufgeschrieben, aber es bildet nicht meine Realität ab.

Ich bin als niemandes Freundin im Stadion, nicht als Groupie, nicht als "vermännlichter" Mimikri-Fan. Aber ich steh dort. Mit anderen. Wir sind echte Fans. In jedem Stadion, in dem ich jemals war, waren echte "weibliche" Fans. In der Männerbundesliga, bei den Frauen, bei Länderspielen, bei Hallenturnieren in nem Kaff nahe Bielefeld. Selbst wenn ich die einzige bin, die den Aktiven unseres Dorfvereins zukuckt, weil sie Fußball sehen will, höre ich dann und dort nicht auf zu existieren. Überall wird Expert_innenwissen gehandelt, Loyalität bewiesen und auf alles geschimpft, was sich falsch bewegt. Es gibt genug Freundschaften, die sich hauptsächlich über diese Aktivitäten konstituiert haben. Und ich sehe darin kein männliches Verhalten sondern Fußballfantum.
Was fehlt 'uns' also zur Inklusion in den Kreis der symbolisch repräsentierten Fans? Wo und wann findet diese Repräsentation statt? In Medien, Berichten, Analysen? Existieren solche Symbole nicht, sobald über sie berichtet wird?
Mir leuchtet nicht ein, was es hilft Fankultur als reine Männerdomäne darzustellen, wenn völlig offensichtlich ist, dass das nicht zutrifft. [Ich gehe jetzt einfach mal davon aus, dass bei diesen Gegnerinnen-Aufklärungs-Veranstaltungen selbstidentifizierte weibliche Fans da waren?!] Klar wird auch vom DFB/Organisationskomitee versucht, die Frauen-WM an "männliche Fans" zu vermarkten (à la Fitschen re Playboy), oder Soccer Dads mit den Töchtern ins Stadion zu locken. Das ist schlimm (und hilflos und absurd) genug und es unterschlägt die Tatsache, dass es Frauenfußballfans sui generis gibt.
In meinen Augen ist das ein faszinierender Sachverhalt. Anekdotisch: Ich war zur Euro 2009 in Finnland (auch dort männliche und weibliche echte Fußballfans getroffen) und da war es teilweise so, dass offizielle DFB-Vertreter_innen/Umfeld sich erstaunt zeigten, dass Leute zur Europameisterschaft anreisen nur um Fußball zu sehen. Oder es traf auf Unverständnis, dass man_frau_ Interesse haben könnte das Team trainieren zu sehen, etc. In dem Sinne sind weibliche Fußball- oder Frauenfußballinteressierte vielleicht tatsächlich Schrödingers Fußballfans.
Aber das macht es nur zusätzlich problematisch, wenn dieses Unsichtbarmachen dann auch noch analytisch weitergeht.
Ich erspare es mir jetzt mal hier Sexismus und Homophobie als Gründe auszuführen.
Meine These ist einfach, dass es Spielräume, Ziwschenräume, abweichendes und vielfältiges Verhalten auf dem Platz und drumherum gibt. Beispiele dafür sind ja sogar im Text. Der Beitrag, den die Geschlechterstudien für den Frauenfußball leisten könnten, wäre zu erforschen, unter welchen Bedingungen sich diese Räume öffnen.

2_ Stefanie
1. August 2011, 16:05 Uhr

Der Artikel hat mir gut gefallen!
Ich sehe es als Aufgabe kritischer Sozialforschung und politischer Bildung, Fragen zum Geschlechterkampf an den Fußball heranzutragen. Das mag so manche(n) nerven, aber das ist halt so bei Kritik.

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