Rechtslage:
- Gegenwärtige Situation
- Antidiskriminierungsgesetz
- Gesetze zu Quoten v.a. im politischen und wirtschaftlichen Bereich
- Weitere Gesetze/rechtliche Regelungen + Regierungsprogramme
- Aktueller politischer Diskurs
Akteur_innen:
Wissenschaft:
Kurzbeschreibung und -bewertung
Das Thema Gleichstellung war vor den politischen Transformationsprozessen Ende der 1990ziger Jahre kein Thema bzw. wurde es nicht wie heute Gegenstand der Analyse. Gleichstellung bedeutete, dass Frauen und Männer voll erwerbstätig waren; aber die traditionellen Rollen der Mutter und des Vaters blieben im Privaten bestehen. Die estnischen Frauen waren (und sind es bis heute) doppelt vergesellschaftet. D.h., dass sie sowohl in die Erwerbs- als auch in die Familienarbeit voll eingebunden sind.
Estland ist seit 2004 Mitglied der Europäischen Union. Gleichstellungsrechte auf nationaler, politischer Ebene konnten sich erst durch europäische und internationale Ressourcen institutionalisieren. Zwar wurde ein modernes Gleichstellungsgesetz verabschiedet, doch bedeutet dies nicht zwangsläufig, dass dieses praktisch in der Gesellschaft umgesetzt und gelebt wird. Im Gegenteil, es scheint in Estland einen Trend zur Re-Traditionalisierung der Geschlechterverhältnisse zu geben. Eine geschlechterstereotype Arbeitsteilung spiegelt sich bis heute in einer geschlechterspezifischen Segregation des Arbeitsmarktes wider. Zudem hat Estland europaweit das höchste Lohngefälle, also der größte sogenannte „Pay-Gap“. Siehe: The Gender Pay Gap in Europe from a Legal Perspective (PDF, 280 Seiten, 8 MB, englisch).
Frauen sind eher bereit zu Hause zu bleiben, empfinden dies als neue Freiheit und grenzen sich damit zum sowjetischen Bild der voll erwerbstätigen Frau ab.
Quellen:
Literatur:
- Becker-Schmidt, Regina: Zur doppelten Vergesellschaftung von Frauen (2003). In: gender...politik...online
- Betzelt, Sigrid:„Gender Regimes“: Ein ertragreiches Konzept für die komparative Forschung. Literaturstudie, Zentrum für Sozialpolitik an der Universität Bremen, Arbeitspapier 12/2007
- Kuhl, Mara:Umsetzungsbedingungen für eine europäische Gleichstellungsstrategie im post-kommunistischen Kontext: Gender Mainstreaming in Estland, Postdam 2007 (Elektronisch veröffentlicht auf dem Publikationsserver der Universität Potsdam)
- Voormann, Rein: "The Gendered Perception of Social Problems in Post-Soviet Estonian Society: A Qualitative Perspective". In: Nationalities Papers, 33. Jahrgang (2005), S. 315-331
Die gesellschaftliche Einstellung gegenüber dem Thema der Gleichstellung ändert sich nur langsam. Weder ist Feminismus populär noch gibt es eine Bewegung „Frauen wählen Frauen“. Gegen die vermehrte politische Beteiligung sind viele Meinungsführer, auch der politische Nachwuchs. Estland ist eine patriarchalisch strukturierte Gesellschaft, in der wenige Frauen Zugang zu Entscheidungspositionen haben. Die größte und schwierigste Aufgabe ist es, geltende Stereotype abzubauen und neue Geschlechterrollen zu schaffen. Die Mentalität muss verändert werden, bevor es zu einer ausgewogenen Repräsentanz von Frauen und zur Umsetzung von Gleichberechtigung kommen kann.
Die meisten Aktivitäten in Richtung Gleichstellung wurden und werden von der EU und den nördlichen Nachbarstaaten finanziert. In der estnischen Gesellschaft wird diese Hilfe meist missverstanden – man muss die Direktiven erfüllen, um auch an den Rest der europäischen Unterstützung zu kommen. Hier besteht großer Aufklärungsbedarf bei den Medien und den Menschen.
Gegenwärtige Situation
Estland hat die Menschenrechtskonvention unterschrieben und damit die Eliminierung jeglicher Diskriminierung. Außerdem unterschrieb Estland die Konventionen des Europarates. Durch den Beitritt zur EU musste Estland den Vertrag von Amsterdam berücksichtigen und Strukturen zur Chancengleichheit schaffen. Seit Mitte der 1990er Jahre nahm das Land an verschiedenen Aktionsplänen der EU teil.
Gegenwärtig ist der gesetzliche Rahmen zur Umsetzung der Geschlechtergleichstellung in Estland insgesamt zufriedenstellend. Estland zeichnet sich durch einige Neuerungen aus, wie etwa dem staatlich finanzierten Elterngeld. Was jedoch die vollständige Umsetzung der Anforderungen der Richtlinien betrifft, sind gewisse Mängel festzustellen. So sind beispielsweise Belästigungen aufgrund des Geschlechts im estnischen Recht derzeit nicht geregelt. Die Umsetzung der Richtlinie 2004/113/EG könnte ebenso in einigen Aspekten vollständiger sein. Deshalb wurde dem Parlament ein Entwurf zur Änderung des Geschlechtergleichstellungsgesetzes (GGG) vorgelegt, um die gesetzlichen
Bestimmungen mit den Anforderungen der EU in Einklang zu bringen. Im Allgemeinen ist durch die Verpflichtung zur Umsetzung der EU-Gleichstellungsrichtlinien und
insbesondere durch das Installieren des Amtes des Beauftragten für Geschlechtergleichstellung und Gleichbehandlung das Bewusstsein für Diskriminierungsfragen in der Öffentlichkeit gestiegen.
Quelle:
- Geschlechtergleichstellungsrecht in 30 europäischen Ländern Stand 2009, S.36 (PDF, 144 Seiten, 3.3 MB)
„Am 24. September 2009 verabschiedete das Parlament das Gesetz zur Änderung des Geschlechtergleichstellungsgesetzes (317 UA). Die Änderungen traten am 23. Oktober 2009 in Kraft. Dabei handelt es sich um folgende:
- Die Definitionen von unmittelbarer und mittelbarer Diskriminierung sowie von Belästigung wurden mit den Definitionen der Gemeinschaftsrichtlinien in Einklang gebracht;
- der Begriff der Belästigung aufgrund des Geschlechts wurde neu aufgenommen;
- das Verbot der Viktimisierung wurde über den Bereich der Beschäftigung hinaus ausgeweitet;
- in Bezug auf geschlechtsspezifische Diskriminierung im Zusammenhang mit dem Zugang zu Gütern und Dienstleistungen wurden folgende Punkte geregelt: eine Ausnahme für nach Geschlechtern getrennte Dienstleistungen wurde eingeführt;Geschlechtergleichstellungsrecht in 30 europäischen Ländern Stand 2009 das Recht auf Schadenersatz wurde über den Bereich der Beschäftigung hinaus ausgeweitet; Dienstleistungsanbieter sind von nun an verpflichtet, eine weniger günstige Behandlung zu begründen;
- Arbeitgebern und Arbeitsvermittlungen ist es von nun an untersagt, familienbezogene Daten zu erheben;
- Nichtregierungsorganisationen müssen von nun an in die Förderung der Gleichbehandlung von Männern und Frauen mit einbezogen werden.“
Quelle:
- Albi, Anneli: Estland, in: Europäische Zeitschrift für Geschlechtergleichstellungsrecht 2010,–S. 69 – 72 (PDF, 169 Seiten, 800 KB)
Die Europäische Kommission hat am 20. November 2009 beschlossen, ihre beim Europäischen Gerichtshof anhängige Klage gegen Estland wegen Nichtumsetzung von EU-Vorschriften zum Verbot von geschlechtsspezifischen Diskriminierungen beim Zugang zu und bei der Versorgung mit Gütern und Dienstleistungen (Richtlinie 2004/113/EG) zurückzuziehen, da Estland neue Änderungen an seinem Gleichstellungsgesetz angenommen und damit die Umsetzung der Richtlinie in nationales Recht abgeschlossen.
Die Kommission hatte Estland vor dem Europäischen Gerichtshof verklagt, da es nicht alle notwendigen Maßnahmen zur Umsetzung der Richtlinie gemäß Artikel 226 EG-Vertrag mitgeteilt hatte.
Diese Richtlinie untersagt geschlechtsspezifische Diskriminierungen außerhalb des Arbeitsmarktes, indirekte und direkte Diskriminierung aufgrund des Geschlechts sowie Belästigung und sexuelle Belästigung. Die Richtlinie gilt für Güter und Dienstleistungen, die der Öffentlichkeit zur Verfügung stehen und die außerhalb des Bereichs des Privat- und Familienlebens angeboten werden. Sie gilt jedoch nicht für Medien- und Werbeinhalte oder für die Bereiche Bildung, Beschäftigung und Beruf. Erfasst sind dagegen beispielsweise Bereiche wie Verkehr, Wohnungssektor, Hotelunterbringung, Gesundheitsversorgung sowie Bank- und Versicherungswesen.
Quelle:
Gesetze zu Quoten v.a. im politischen und wirtschaftlichen Bereich
Es sind keine Regelungen vorhanden.
Weitere Gesetze/rechtliche Regelungen + Regierungsprogramme
Estonian Ministry of Social Affairs/Sotsiaalministeerium
Das Sozialministerium Eslands /Sotsiaalministeerium veröffentlichte ein Dokument über das Programm zur Förderung der Gleichstellung der Geschlechter (PDF, 36 Seiten, 2.3 MB, estnisch)im Zeitraum von 2008 bis 2010. Dieses ist lediglich auf estnisch verfügbar. Der estnische Begriff für Gender ist „sugu“,
Es existiert ein Nationaler Aktionsplan zu Gleichstellung der Geschlechter (PDF, 20 Seiten, 850 KB, englisch).
Estnisches Außenministerium
Die englischen Informationen zum Thema Gender, die sich auf dieser Website finden lassen, sind hier wesentlich ergiebiger. Es gibt einen Aktionsplan, der die UN-Richtlinie 1325 „Women, Peace and Security“ (Frauen, Frieden, Sicherheit) in nationales Recht im Zeitraum von 2010 bis 2014 umsetzen soll. Grundsatz ist, dass Konflikte durch die systematische Berücksichtigung der Geschlechterperspektive gelöst werden sollen, also die Rolle der Frau in Friedenskonsolidierungen. Estland verfolgt mit diesem Aktionsplan, dass die Geschlechterperspektive im Bereich der internationalen Friedenseinsätze und der Entwicklungszusammenarbeit einbezogen wird. Darauf liegen die künftigen Prioritäten des Außenministeriums.
Quelle:
- im Zuge der politische Entwicklungen in Estland muss erwähnt werden, dass in den letzten Jahren der Staatshaushalt erheblich reduziert und die Mittel verschiedener staatlicher Stellen gekürzt wurden.
Quelle:
- Albi, Anneli: Estland, in: Europäische Zeitschrift für Geschlechtergleichstellungsrecht 2010,–S. 69 – 72 (PDF, 169 Seiten, 800 KB)
Die estnische Regierung wird von einer Koalition aus Mitte-/Rechts-Parteien (Reformpartei und IRL – Union aus Pro Patria und Res Publica) gebildet. Zurzeit ist die 12. Regierung seit Wiedererlangung der Unabhängigkeit 1991 im Amt. Alle bisherigen Regierungen waren sich im Bemühen um eine offene Marktwirtschaft einig.
2011 sind Wahlen in Estland. Darum gibt es im Moment jenseits von Gleichstellung die Diskussion um die Unterstützung von Oppositionsparteien durch Moskau.
Quelle:
- Auswärtiges Amt: Estland
Zentraler Bestandteil des Regierungsprogramms ist die Bevölkerungsentwicklung und die Familienpolitik. Es wird im Programm formuliert, dass positives Bevölkerungswachstum erreicht werden soll durch eine ansteigende Geburtenrate, längerer Lebenserwartung und die Verbesserung des Lebensstandards. So sollen u.a. kinderreiche Familien mit Geld und staatlicher Beratung gefördert werden. Die Wörter „Gender equality“ (Geschlechtergleichheit) lassen sich in dem Programm nicht finden. Die Regierung setzt die Schwerpunkte auf Familie und Wirtschaft. Gleichstellung wird nicht als Grundvoraussetzung für die gesellschaftliche Fortentwicklung akzeptiert.
Quelle:
- Programme - Estonian Government
„Programme of the Coalition of the Estonian Reform Party, Union of Pro Patria and Res Publica and Estonian Social Democratic Party for 2007-2011“
Estonian Women`s Associations Roundtable (EWAR)/ Eesti Naisteühenduste Ümarlaud
Estonian Women’s Associations Roundtable (EWAR) ist ein offenes und demokratisches Frauennetzwerk, das auf Kooperationen basiert. Es hat den Anspruch gemeinsame Positionen in Bezug auf wichtige gesellschaftliche Fragen, die Frauen betreffen, zu beziehen. Zudem will die Frauenvereinigung die partizipative Demokratie und die Gleichstellung zwischen Männern und Frauen vorantreiben.
Die konkreten Themen sind u.a. Gewalt gegen Frauen, Gehaltsgefälle zwischen Frauen und Männern, fehlende Beteiligung der Männer bei der Kindererziehung und fehlende Frauen in Entscheidungspositionen. Dazu werden Projekte, Unterstützungs- und Protestaktionen organisiert,
Kontakt:
Narva mnt 25-410 Tallinn 10120
e-mail enu@enu.ee
+3725265927, eha.reitelmann@enu.ee
Quelle:
- Eesti Naisteühenduste Ümarlaud (estnisch, teilweise englisch)
Estonian Association of Business and Professional Women/Eesti Ettevõtlike Naiste Assotsiatsioon (EENA)
Die Non-Profit-Organisation EENA wurde 1992 gegründet mit dem Anspruch, Frauen in der Arbeitswelt zu ermutigen, miteinander zu kooperieren; Ideen und Meinungen auszutauschen. Ziel ist es, Berufs-, Geschäfts- und Führungspotenzial der Frauen durch Mentoring, Vernetzung, Kompetenzerwerb, Interessenvertretung sowie Stärkung der Projekte auf regionaler, nationaler und internationaler Ebene zu stärken.
Kontakt
info@bpw-estonia.ee
Quelle:
- BPW - Estonia (estnisch)
ETNA Estonia
Die NGO ETNA Estonia will Frauen aus ganz Estland zusammenführen, die Interesse an Geschäftsgründungen haben. Der Fokus liegt hierbei auf einem Ausgleich der städtischen und der ländlichen Entwicklung. Die Ziele von ETNA sind u.a. das weibliche Unternehmerinnentum im ländlichen Raum zu unterstützen, Netzwerke aufzubauen, zu entwickeln und zu koordinieren und das alles unter den Grundsätzen der Geschlechtergleichstellung und des Gender Mainstreaming.
Kontakt:
Address: Jüri St 12, Võru 65605, ESTONIA
Telefon: +(372) 56 08 77 88
Fax: +(372) 7339 833
E-post: fem[at]fem.ee
Quelle:
- Etna (estnisch)
ENUT
The Estonian Women’s Studies and Resource Centre/ Eesti Naisuurimus- ja Teabekeskus
Diese Nichtregierungsorganisation ist aus einer Graswurzelbewegung entstanden mit dem Ziel, Frauen zu ermächtigen. Sie dient Frauen als Fachbibliothek zur Frauen-und Genderfragen, sie sammelt und verbreitet Informationen zu Genderfragen und sie stärkt das Genderbewusstsein in Seminaren, Konferenzen und Veröffentlichungen. Sie fördert, koordiniert und initiiert zudem Aktivitäten zur Gleichstellung der Geschlechter.
Kontakt:
Narva mnt. 25-410
10120 Tallinn
Tel./ Fax (372) 6409 173
enut@enut.ee
Quelle:
- ENUT - Eesti Naisuurimus- ja Teabekeskus (estnisch, englisch)
Centre for Gender Studies an der Universität Tallin
Es lassen sich jedoch auf Englisch keine Inhalte, Aktivitäten, Publikationen finden. Lediglich der Kontakt:
Leena Kurvet-Käosaar
Phone: +372 619 9881
E-Mail: lkk [at] tlu.ee
Quelle:
Unit of Gender Studies (Institute of Sociology and Social Policy)
Diese Seite ist sowohl in Englisch als auch auf Estnisch verfügbar. Anzumerken ist, dass beide Versionen veraltet sind. So sind die letzten News auf Estnisch von 2008. Die letzte Aktualisierung der Website erfolgte 2009.
Kontakt:
University of Tartu
78-219 Tiigi St., 50410 Tartu, ESTONIA
Phone: +372 7 375930
E-mail: gender[at]ut.ee
Quelle:
Beschreibung der Quellenlage
Die Quellenlage ist durchschnittlich. Die Schlüsseldokumente zum Thema Gleichstellungspolitik sind ausschließlich auf estnisch verfügbar. Dabei ist das zentrale Suchwort für Geschlecht im Sinne von Gender auf estnisch „sugu“
Es ist kaum was zu finden unter englischen Schlüsselwörtern.
Benennung der relevanten Quellen
Internetadressen wurden immer direkt im Kontext genannt.
- Gender Equality and Inequality: Attitudes and Situation in Estonia in 2009 (PDF, 55 Seiten, 1.4 MB, englisch)
- Sacha Prechal und Susanne Burri; Geschlechtergleichstellungsrecht in 30 europäischen Ländern Stand 2009 (PDF, 244 Seiten, 3.3 MB)
- Prechal/Burri; Die EU-Vorschriften zur Geschlechtergleichstellung: Wie wurden diese in nationales Recht umgesetzt? (PDF, 48 Seiten, 1.4 MB)
- Committee on the Elimination of Discrimination against Women, Fourth periodic report of States parties; Estonia (PDF, Seiten 95, 575KB, englisch)
- Auf estnisch verfügbar die Broschüre zur Gleichstellung der Geschlechter: Männer & Frauen „Gleiche Rechte, gleiche Pflichten - Ein Überblick über geschlechtsspezifische, Gleichstellung, Gesetz“ (PDF, Seiten 32, 2.2 MB)