Die ersten beiden Beiträge von Christa Wichterich und Ulrike Knobloch boten einen Problemaufriss. Mit Theorien und Modellen einer Ökonomie, die von Sorgearbeit ausgeht, nimmt feministische Ökonomie seit langem „Das Ganze der Ökonomie“ in den Blick. Sorgeökonomie zeigt auf, wie Märkte auf einem Polster von Sorgearbeit und Regeneration der Natur agieren. Märkte externalisieren soziale und ökologische Kosten, d.h. diese gehen nicht in Preise ein.
Hier knüpfte die zweite Runde an. Roland Zieschank von der Forschungsstelle für Umweltforschung erläuterte die Potentiale (s)eines „nationalen Wohlfahrtsindex“ (NWI) als Alternative zum Bruttoinlandsprodukt (BIP). Da der BIP lediglich einen illusionären Wohlstand abbilde, allein auf Umsatz fixiert sei und qualitative Aspekte vernachlässige, sei als politisch handlungsleitendes Instrument völlig unzureichend. Dagegen fließen in den NWI u.a. wohlfahrtsstiftende Komponenten wie Haushaltproduktion und ehrenamtliche Arbeit ein, die der BIP nicht erfasst. Hier also ist Care Ökonomie bereits implizit Teil eines aktuell erfolgreichen Instruments der Umweltökonomie.
Den Abschluss übernahm Lisa Paus, MdB, Bündnis 90/Die Grünen. Sie zeigte auf, wo und wie im Green New Deal bereits Antworten auf Fragen einer Sorgeökonomie angelegt sind. Zwar bezweifelte sie, dass der Begriff der Care Ökonomie für wirtschaftspolitische Debatten handhabbar ist, sieht mit dem Modell aber wichtige Fragen aufgeworfen: Wie gehen wir mit der vorhandenen Arbeit um, die wir nicht bezahlen können und ins Private abgedrängt wird? Und: Welche Arbeite wollen wir auch nicht bezahlen, was spricht gegen die Durchökonomisierung von Hausarbeit?
Mit:
- Dr. Christa Wichterich, Soziologin und Publizistin, Bonn
Vortrag als [ » PDF] - Dr. Ulrike Knobloch, Sozialökonomin, Universität Freiburg/Schweiz
Vortrag als [ » PDF] - Roland Zieschank, Forschungsstelle für Umweltpolitik, Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft, Freie Universität Berlin
Beitrag als [ » PDF] - Lisa Paus, MdB, Bündnis 90/Die Grünen
Beitrag als [ » PDF]
Programm [ » PDF]
Hinweis:
Dieses Gespräch stellt den Auftakt einer thematischen Reihe zur Care Ökonomie im Gunda-Werner-Institut dar. Als Fortsetzung findet am 10.02.2010 ein weiteres Fachgespräch zu Perspektiven geschlechtergerechten Wirtschaftens statt, u.a. mit Mascha Madörin, Kerstin Andreae MdB, Dr. Maria Kontos und Prof. Dr. Adelheid Biesecker.
Wir laden Sie auch dazu schon herzlich ein und hoffen auf eine erkenntnisreiche Debatte.
Das "Fachgespräch" ist eine Veranstaltungsreihe des Gunda-Werner-Instituts in der Heinrich-Böll-Stiftung. Es dient dem Erfahrungsaustausch, der Positionsbestimmung und Strategieentwicklung und richtet sich an ein interessiertes Fachpublikum. Anschließend findet jeweils ein informeller Austausch bei einem kleinen Imbiss statt, um die fachlichen Diskussionen weiter zu vertiefen.
Übersicht über alle Fachgespräche:
- 16.06.2010: Lebenskonzepte – nachhaltig & geschlechtergerecht? Gutes Leben und gute Arbeit zwischen Selbstbestimmung und Beschleunigung
- 10.02.2010: Care Ökonomie als zukunftsfähiges Wirtschaftsmodell – politische Ansätze & Perspektiven
- 19.11.2009: Care-Ökonomie als zukunftsfähiges Wirtschaftsmodell - Voraussetzungen
- 18.02.2009: Individualbesteuerung - die bessere Wahl für Geschlechtergerechtigkeit?
- 12.11.2008: Bitte UmSteuern! – Wie geschlechter(un)gerecht ist unser Steuersystem?
